Breitensport
18.09.2010 12:50
Von: S.Ü.

Degen-Perspektivkader in Colmar

Colmar – Bisher bereiteten die Fédération Francaise d’Escrime (FFE) und der Deutsche Fechter-Bund (DFB) ihre Hoffnungsträger („les jeunes espoirs“) jeweils im eigenen Land auf die neue Saison vor.

Foto: privat

Doch bei den Europameister- schaften im Juli in Leipzig kamen Frédéric Pietruszka und Gordon Rapp, die Präsidenten der beiden Verbände, ins Gespräch. Sie vereinbarten, in Zukunft auch im Bereich der Perspektivkader enger zusammenzuarbeiten. Sogleich machten sie Nägel mit Köpfen: Schon für Ende August wurde eine deutsche Delegation zum ersten gemeinsamen Perspektivkader- lehrgang, „stage franco-allemand“ ins elsässische Colmar eingeladen. Je sechs Damen- und Herrendegenfechter aus beiden Ländern sollten dort die Vorbereitung auf die Saison gemeinsam starten, sich auch abseits der Planchen kennenlernen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen deutschem und französischem Training sowie der Lebensart erleben.

Bald folgten weitere Informationen aus dem deutsch-schweizerisch-französichen Drei-Ländereck, denn Cheforganisator François „Frantz“ Muller, aus einer namhaften Fechtfamilie stammender Kopf der Colmaraner Fechter des „Sports Réunis Colmar“ (SRC) stellte ein umfangreiches Programm für die Teilnehmer auf die Beine. So sollte neben konditionellem, koordinativen und Kraft-Aufbautraining, Lektionen und dem Fechten unter verschiedenen Aufgabenstellungen auch der wichtige Aspekt der gemeinsamen Freizeit Raum finden.

Insgesamt 18 Teilnehmer – je neun aus beiden Ländern – verbrachten gemeinsam eine tolle Woche. Aus Deutschland waren die Waldkircher Degenfechterinnen Sabrine Arnautova, Alexandra und Olga Ehler, bei den Herren aus Osnabrück Noë Walter, Yannick Sander aus Laupheim, Lukas Root (Böblingen) sowie Maxim Danilejko und Benjamin Käppeler, beide aus Heidenheim, in Colmar dabei. Für die fechterischen Anteile bot die erst im vergangenen November eröffnete und gemeinhin als „modernster Fechtsaal Europas“ bezeichnete Halle des SRC den idealen Ausgangspunkt für den Einstieg in die kommende Saison. Unmittelbar im Naturschutzgebiet „Waldeslust“ gelegen, welches die Fechter bei den morgendlichen Waldläufen kennenlernten, bietet das Trainingszentrum mit acht Wettkampf- und vier Trainingsbahnen und einer Reihe modernst ausgestatetter Nebenräume ein tolles Umfeld. Alle Teilnehmer erhielten täglich Einzellektionen von den beiden Maîtres d‘Armes Aubert Sirjean (ehemals Waldkirch und Argélas) und Richard Gawlas, fochten Runden und K.O.-Gefechte, Einzel- und Mannschaftsturniere und traten an einem Abend einer Auswahl der Gastgeber gegenüber.

Französische Lebensart erlebten die Deutschen beim treffend als „petit [!]déjeuner“ bezeichneten und für germanische Gewohnheiten recht „spartanischen“ französischen Frühstück – Baguette, Kaffee (nur die Gauloises fehlten!) – aber umso mehr mittags und abends, wenn der Patron des Restaurants „Waldeslust“ ihnen einen Streifzug durch die elsässische und französische Küche präsentierte. Jenseits der Planchen tobten sich die Lehrgangsteilnehmer im modernen Freizeitbad Colmars und einem „Parc Aventure“ – einem Klettergarten in den nahen Hochlagen der Vogesen – aus. Im „Ecomusée d’Alsace“ „reisten“ sie in die regionale Vergangenheit, erwanderten Bauern- und Bürgerhäuser der vergangenen Jahrhunderte, die dort liebevoll und detailgetreu wieder aufgebaut wurden – und erkundeten bei einer Fußgängerrallye die vielen Sehenswürdigkeiten der historischen Altstadt Colmars.

Doch damit noch nicht genug. Abends, nach Abschluss des „offiziellen“ Tagesprogramms, machten deutsche und französische Jugendliche ihr eigenes Programm. In und um die Jugendherberge kamen sie miteinander ins Gespräch, stellten schon bald mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede (z.B: in Sachen Musik- und Modegeschmack) fest, brachten sich gegenseitig mit beinahe diplomatischem Geschick und teilweise erheblicher Geduld Kartenspiele bei oder erzählten Geschichten und Fechterlebnisse. Dass einige der Lehrgangsnächte dadurch bestenfalls als „verkürzt“ zu bezeichnen waren und das Frühstücksbuffet noch weniger als zuvor genutzt wurde, spricht für sich – und zeigt, wie erfolgreich dieser „stage franco-allemand“ auch in interkultureller Hinsicht war. Natürlich ließen sich auch Unterschiede erkennen – und hier sind nicht nur „ungewohnte“ Beinarbeits- und Gymnastikformen gemeint. Kam den Franzosen der Zeitpunkt des morgendlichen Aufstehens recht entspannt vor, fanden die Deutschen es sichtlich früh. Umso länger dehnte sich danach aus ihrer Sicht der Vormittag, bis es für sie gegen halb eins die erste richtige Mahlzeit gab. Während die Deutschen auch abends dem Aufbruch ins Restaurant freudig entgegen sahen, war ein Abendessen um 18 Uhr für die Franzosen geradezu undenkbar früh – was dazu führte, dass mehr als einmal im Laufe des ja noch langen Abends gemeinsam die Süßigkeitsvorräte geplündert wurden.

Am Ende des Lehrgangs waren sich alle, Teilnehmer wie Betreuer, darin einig, dass es ein Erfolg und derartige Lehrgänge unbedingt zu wiederholen seien – und auch darin, dass man sich erst ein Mal ausgiebig ausschlafen wolle.


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