Böttcher: "Wir versuchen es bis zum Schluss!"


Als zweites Interview können Sie heute das Gespräch mit Herrendegen-Bundestrainer Mario Böttcher lesen.

Wie bewerten Sie die Ergebnisse der WM 2018 im Einzel und Team?

Dieses Jahr ist Marco Brinkmann der beste Deutsche mit dem 26. Platz, das ist nach letztem Jahr, wo wir eine Medaille geholt haben, nicht zufriedenstellend. Das Ziel war jetzt nicht zwingend, eine Medaille zu holen, aber wir wollten vorne mitkämpfen. Aber ich muss auch sagen, dass es nicht am Fechten gelegen hat. Marco und Richie haben beide gegen den Amerikaner alles versucht und haben am Ende verloren. Auch Lukas, der gegen den Koreaner Park dran war, hat es versucht, aber es hat nicht gereicht. Wir haben in der Vorbereitung alles herausgeholt, was rauszuholen war, und es hat im Einzel einfach nicht klappen sollen.

In der Mannschaft haben wir deutlich besser gefochten als in Leipzig letztes Jahr. Wir haben Argentinien sicher geschlagen, auch wenn wir am Anfang zurücklagen. Gegen Russland haben wir ein sehr gutes Gefecht gemacht, wir wurden nicht so niedergemacht wie von Frankreich bei der WM 2017, sondern konnten lange mithalten. Am Ende hätten wir mit ein bisschen Glück das Ding auch drehen können. In den Platzierungsgefechten haben wir dann die Ukraine mit zwei Medaillengewinnern aus dem Einzel geschlagen. Danach haben wir dann noch zwei Gefechte verloren, da war die Luft dann aber auch raus und belegen den 12. Platz. Das ist besser als letztes Jahr, aber auch nicht zufriedenstellend. Ich kann uns fechterisch nichts vorwerfen, aber wir haben vom Ergebnis her nichts abgeliefert, womit man zufrieden sein kann und sollte. Wir haben die Saison deutlich bessere Ergebnisse abgeliefert, als wir das in der Vor-Saison hatten. Wir qualifizieren uns mit mehr Finalplätzen, Marco hat Finale beim Grand Prix gefochten, Richie und Lukas haben zweimal letzte 16 gefochten, Stephan mehrmals unten den letzten 32. Wir können da oben mithalten, hat aber bei der WM nicht geklappt.

Wie sieht die Saisonplanung für 2018/2019 aus?

Ab Januar werden wir alle zwei Wochen einen internationalen Wettkampf haben, und dafür müssen wir durch die ganze Welt reisen. Von Heidenheim nach Buenos Aires, Vancouver usw., das stellt natürlich den Trainingsplan etwas um, weil wir in der Zeit fast nicht zum Training kommen werden. Wir passen uns der Situation an, die uns der Kalender vorgibt, und versuchen, uns so oft wie möglich zu treffen, um zu trainieren. Wir versuchen, ein bisschen mehr international zu fechten, gehen zu den Tschechen ins Trainingslager und fechten dort auch ein Turnier mit.

In den letzten Jahren gab es häufiger Wechsel bei der Zusammenstellung des Teams. Finden Sie das positiv oder eher negativ?

Also wir haben am Anfang relativ viel gewechselt, weil sich einfach die Ranglistenpositionen geändert haben. Ich bin immer noch der Meinung, dass die, die gerade gut fechten, auch in die Mannschaft gehören. Das hat natürlich den Nachteil, dass man relativ viele Leute in der Mannschaft sieht, aber es ist dennoch ein begrenzter Personenkreis. Und meine Aufgabe ist es, aus diesen Männern ein Team zu machen, und ich habe das Gefühl, dass ich das schaffe. So geht immer mal einer raus oder rein, aber die wissen, worum es geht. Bisher hatte ich noch kein Team, was nicht halbwegs funktioniert hat. Ich finde, es ist ein Anreiz, wenn man was Gutes leistet, darf man auch Team fechten, viel größer.

Wie sehen Sie den Nachwuchs im Herrendegen?

Momentan wird an mich herangetragen, dass die Junioren momentan international nicht mithalten können. Aber ich muss sagen, dass wir gerade einen Junioren Jahrgang in die Aktiven bekommen haben, der recht gut war, und dahinter ist erstmal eine Lücke, was relativ normal ist. Bei der Kadetten-EM haben wir zwei Medaillen gewonnen und haben einen Fechter für die Youth Olympic Games qualifiziert, da mache ich mir keine Sorgen, dass da in ein paar Jahren wieder starke Fechter dabei sind. Das Durchschnittsalter im Degen ist relativ alt, daher muss man den jungen Fechtern auch die Zeit geben, sich zu etablieren.

Es gab eine Zeit, da war das Herrendegen Team für eine Medaille gut. (2003 und 2004 WM-Silber) Was hat sich geändert?

Das Starterfeld ist enorm groß geworden, auch kleine Nationen wollen da mitmischen, und das macht meiner Meinung nach den Weg nach vorne freier als in den konventionellen Waffen, wo man auf die Kampfrichterentscheidung angewiesen ist. Bei uns kann jeder jeden schlagen, auch wenn man technisch schlechter ist oder einfach mal einen guten Tag hat. Das ist der Punkt, an dem wir uns auch mehr zutrauen müssen. Es ist nicht mehr so garantiert wie früher, dass man vorne um die Medaillen mitficht. Aber dafür holen wir noch genug aus dem Degen heraus.

Wo sehen Sie momentan die Probleme im Herrendegen?

Dass die Mannschaft es sich nicht zutraut, sich in der Olympia Quali zu qualifizieren. Wir sind auf keinem guten Platz, stehen zwischen 12 und 16, und wir haben viele europäische Mannschaften vor uns. Rein rechnerisch bräuchten wir den 5. Platz und müssten zehn Plätze hochklettern. Das lässt das Selbstbewusstsein nicht gerade steigen. Aber da muss man die Stimmung hochhalten und sagen, wir versuchen es bis zum Schluss. Das ist jetzt meine größte Aufgabe, das den Jungs glaubhaft vorzuleben, dass wir das noch schaffen können.