Kurz vor Beginn der Wettkämpfe rollt ein Teilnehmer suchend durch den Bernsteinsaal. Ihm fehlt ein Seitenschutz für die Räder – auf der Kampfseite ist dieser vorgeschrieben. Es dauert nicht lange, bis ein anderer Fechter hilft und kurzerhand den Schutz vom eigenen Rollstuhl abbaut.
Es ist nur eine kleine Szene. Aber sie erzählt viel über diese Internationalen Deutschen Meisterschaften im Rollstuhlfechten: Auf der Bahn wird mit ganzer Leidenschaft um jeden Treffer gekämpft. Daneben unterstützen sich die Aktiven gegenseitig. Man kennt sich, hilft einander und passt aufeinander auf. Sportlicher Ehrgeiz und ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl gehören hier untrennbar zusammen.
Fechten mit Blick auf die Ostsee
Für viele der Teilnehmer*innen war die Anreise nach Rostock-Warnemünde weit. Der Weg führte sie bis an die Ostsee und beinahe direkt an den Strand. Im Bernsteinsaal des Hotels Neptun trafen am 11. und 12. Juli 2026 insgesamt 30 Fechterinnen aus Deutschland, der Ukraine, Argentinien, Polen, Lettland, Israel und dem Iran aufeinander.
In 21 Wettbewerben der unterschiedlichen Behinderungsarten mit Florett, Degen und Säbel kamen 75 Starts zusammen. Sechs vollständig ausgestattete Bahnen und ein Livestream schufen professionelle Wettkampfbedingungen. Durch die großen Fenster des Saals fiel der Blick auf Strand, Ostsee und einen strahlend blauen Himmel – eine für den Fechtsport ebenso ungewöhnliche wie eindrucksvolle Kulisse.
Ausrichter und kreativer Ideengeber für die DM war in diesem Jahr der Verband für Behinderten- und Rehasport Mecklenburg-Vorpommern (VBRS MV) um Geschäftsführer Reno Tiede und Bundestrainer Alexander (Sascha) Bondar, der zugleich Landestrainer in MV ist. Das besondere Highlight, die Meisterschaften waren erstmals Bestandteil der Warnemünder Woche, die 2026 ihre 88. Auflage und zugleich 100 Jahre Veranstaltungsgeschichte feierte.
Inmitten einer der größten deutschen Segel- und Sportwochen erhielt das Rollstuhlfechten damit durch das Engagement des VBRS eine besondere Bühne. Die Meisterschaften wurden auf den digitalen Programmtafeln in Warnemünde angekündigt. Hotelgäste und Besucher*innen der Warnemünder Woche wurden auf den Wettkampf aufmerksam, kamen in den Bernsteinsaal und ließen sich erklären, wie Rollstuhlfechten funktioniert.
„Das Rollstuhlfechten hat hier ein Forum zur Präsentation bekommen, das in dieser Form einmalig ist“, sagte DFB-Vizepräsident Philipp Gorray, der, zur Freude aller anwesenden Fechter*innen, die Meisterschaften vor Ort besuchte. Er folgte damit der Einladung des DRS, nachdem dieser, durch den DRS-Sportreferenten Lars Pickardt, bei der diesjährigen DM der Senioren des DFB zu Gast sein durfte.
Auch Reno Tiede sieht die Veranstaltung als weit mehr als einen sportlichen Wettbewerb. Sie sei eine „Visitenkarte für den Verband, den Parasport und den Austragungsort Rostock-Warnemünde“. Ein Höhepunkt abseits der Fechtbahnen war das gemeinsame Bankett am Samstagabend, dass wie die Veranstaltung, durch die Unterstützung von Stadt und Land ermöglicht wurde.
TuS Makkabi Rostock sorgt für starke Bedingungen
Eine zentrale Rolle bei der Umsetzung vor Ort übernahm der TuS Makkabi Rostock. Der gastgebende Verein hatte nicht nur zahlreiche Athlet*innen seines Rostocker Trainingsstandortes am Start. Er sorgte gemeinsam mit vielen freiwillig Engagierten auch organisatorisch dafür, dass die Fechter*innen optimale Bedingungen vorfanden.
Die Helfer*innen unterstützten bei der Vorbereitung der Bahnen, bei technischen Fragen, an den Rollstühlen und überall dort, wo während eines langen Wettkampftages eine zusätzliche Hand benötigt wurde. Ohne dieses Engagement wäre eine Veranstaltung in dieser Qualität nicht möglich gewesen.
Gerade darin zeigte sich erneut der besondere Charakter der Meisterschaften: Internationale Titelkämpfe und professionelle Abläufe auf der einen, persönliche Begegnungen und gegenseitige Unterstützung auf der anderen Seite.
Mehr Sichtbarkeit für den Parafechtsport
Die Meisterschaften von Warnemünde machten einmal mehr deutlich, welches Potenzial im Parafechtsport steckt: Dynamische Gefechte, taktische Vielfalt und hochklassige Athletinnen begeisterten auch Besucherinnen, die zuvor kaum Berührungspunkte mit dem Rollstuhlfechten hatten.
Noch immer erhält der Parafechtsport innerhalb der öffentlichen Wahrnehmung und auch in der Berichterstattung der Fechtfamilie nicht den Raum, den er verdient. Sichtbarkeit darf sich nicht auf die Paralympischen Spiele oder einzelne internationale Erfolge beschränken. Die Aktiven, Vereine, Trainer*innen und Ehrenamtlichen leisten, wie auch die des DFB, das ganze Jahr über bemerkenswerte Arbeit.
Philipp Gorray nutzte seinen Besuch deshalb für zahlreiche Gespräche mit Aktiven, Verantwortlichen und dem Trainerteam. Dabei ging es um die aktuellen Rahmenbedingungen, konkrete Herausforderungen und die Wünsche der Rollstuhlfechter*innen. Der Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit, einem stärkeren Austausch und einer engeren Zusammenarbeit mit dem Deutschen Fechter-Bund wurde dabei deutlich formuliert.
Aus den Gesprächen entstanden erste Ideen, wie der Kontakt zwischen DFB und DRS weiter intensiviert und der Parafechtsport künftig regelmäßiger in die Kommunikation und die gemeinsamen Aktivitäten der Fechtfamilie eingebunden werden kann. Philipp Gorray und Lars Pickardt, als Verantwortliche ihrer Verbände, waren sich einig, es geht uns allen um das Fechten und die Fechter*innen: Dies steht im Mittelpunkt. Viele Regeln, die Emmotionen, Technik, Taktik und die Begeisterung für den Fechtsprot sind überall identisch.
Die Deutsche Fechtsportjugend zeigt bereits, wie eine solche Einbindung gelingen kann. Paralympics-Sieger Maurice Schmidt gehört zum Ambassador-Team der dfj. Lucie Neuhaus von der Deutschen Fechtsportjugend begleitete die Meisterschaften vor Ort und freute sich darüber, dass Schmidt auch Teil der diesjährigen dfj-Allstar-Sommertour ist. So wird Parafechtsport nicht als gesonderter Bereich betrachtet, sondern als selbstverständlicher Bestandteil des Fechtens.
Paralympics-Sieger, Techniker und Kommentator
Wie selbstverständlich dieses Miteinander gelebt wird, zeigte sich auch am zweiten Wettkampftag. Maurice Schmidt, der 2024 in Paris mit dem Säbel Paralympics-Gold gewonnen hatte, scherzte gut gelaunt, dass Degen und Säbel durchaus in Ordnung seien – auf einen Start mit dem Florett könne er allerdings verzichten.
Während andere Aktive auf der Bahn standen, reparierte er die Spitze eines Kollegen. Wenig später wechselte er an den Sprecherplatz und kommentierte die Gefechte im Livestream fachkundig, verständlich und unmittelbar am Geschehen.
Paralympics-Sieger, Gegner, Helfer und Kommentator – an diesem Wochenende lagen diese Rollen dicht beieinander. Vielleicht lässt sich der besondere Geist der Internationalen Deutschen Meisterschaften im Rollstuhlfechten kaum besser zusammenfassen: Auf der Bahn wird um jeden Treffer gekämpft. Sobald das Gefecht beendet ist, steht wieder die Gemeinschaft im Mittelpunkt.